Ich halte ihre Hand, ihre Hand die ich als Kind schon bestaunte, so alt, so faltig, diese Rillen in den Fingernägeln. Damals als ich die meine kleine, faltenlose Kinderhand in die ihre legte, um sicher über die Straße zu kommen.
Noch ist sie warm und weich, mit noch mehr Falten als damals, mit Flecken, fast mehr Flecken als Haut, aber klein geworden. Die meine ist jetzt die starke, die kräftige, führende Hand.
Über 50 Jahre verwobene Leben, am Anfang fein und fest, keinen Atemzug ohne sie, keinen Schritt ohne sie, immer lockerer werdend, aber sich nie auflösend, immer zumindest ein Faden, fest verbunden mit dem anderen.
Jetzt ist ihr Faden zu Ende. Da liegt meine Oma, gerade gestorben, gerade ausgelaufen, unser Faden, ihr Faden verbunden mit meinem.
Sie ist doch 95 geworden, ein schönes Alter, es war besser für sie, gut, dass sie nicht leiden musste, am Ende hatte sie doch gar nichts mehr vom Leben – ja, das alles stimmt, und doch dieses Gefühl von Verlust von jetzt schon vermissen von einem Faden weniger in meinem eigenen Lebensband.
Und wie ich jetzt so sitze, alleine an ihrem Bett und sie sich von Minute zu Minute verändert, die Hand kälter wird und steifer, das Gesicht wächsern und fremd, fängt es an.
Und jetzt Monate später, nach all dem unnötigen Begräbnisrummel, der doch nur helfen soll, mit allem abzuschließen, den Abschied leichter zu machen, sitze ich an meinem Schreibtisch, wo ihr Bild steht, und möchte sie all das fragen, was ich zu fragen vergessen habe.
Wieso weiß ich nicht mehr über sie, über ihr Leben, warum war ich nie neugierig.
Natürlich kenne ich ihre Geschichte, so im Groben. Aufgewachsen in Böhmen auf einem Bauernhof, 1921 geboren.
Aber wie war es 1921, zu einer Zeit, da es keine Autos gab, keine Straßen. Damals, als die Welt noch klein war und man seinen Ort nur selten verlassen hat, als die Fahrt zum nächsten größeren Ort noch ein Erlebnis war.
Wie groß war Oppolz, ihr Dorf, wie viele Menschen lebten dort, hat man sich gekannt, hat man sich gemocht, wie war das Dorfleben? Wie war es, mit acht Geschwistern aufzuwachsen, gab es Hunger?
Spielten die Kinder oder mussten sie arbeiten, helfen am Hof, wie war der Vater, war er streng oder liebevoll, waren Väter damals liebevoll, war es überhaupt ein Kriterium für Väter damals, liebevoll zu sein, oder war das Leben zu hart für diesen Luxus. Wie war ihre Mutter, wie war es neben ständigen Schwangerschaften und vielen kleinen Kindern auch noch den Hof zu bewirtschaften, für alle zu kochen zu nähen. Was sonst war alles zu tun für eine Frau, damals, als meine Oma ein Kind war.
Hatte sie ein eigenes Zimmer, oder hatten die Mädchen, von den neun waren acht Mädchen, eines gemeinsam?
Es gibt niemanden mehr, den ich fragen könnte. Alle Geschwister sind tot. Der Reihe nach gestorben, wie sie geboren sind. Nur meine Oma hat sich nicht an die Reihenfolge gehalten, sie war halt immer schon eine „Gschaftlhuaberin“, die sich um alle und um alles gekümmert hat. Sie hat durchhalten müssen, um als letzte zu gehen.
Dabei hat sie immer gesagt, mit 68 sterbe ich. Und es hat ihr immer alles weh getan. Von ihren Knien, die beide mehrmals operiert werden mussten, weiß ich, dass sie am Feld kaputt gegangen sind. Bei der Arbeit am Kartoffelacker, aber wie das passiert ist, weiß ich nicht.
Damals hat es mich nicht interessiert, damals als ich fragen konnte, war alles andere wichtiger als diese unbedeutenden Fragen. Fragen, die erst jetzt Gewicht bekommen, da es keine Antwort mehr gibt.
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